Sich durchsetzen. Und wie schwer das meinem Sohn fällt.

Neulich, an einem Freitag, bin ich mit Johann zum Kinderturnen gegangen.

Ich hole dazu nun etwas weiter aus. Ich selber habe Kinderturnen verabscheut, bin immer auf der Matte liegen geblieben und habe mich geweigert mitzumachen. Bei Johann habe ich das nicht erwartet, denn er bewegt sich sehr gerne, spielt gerne Spiele nach festen Regeln und total gerne fangen. Er hatte Lust, ich auch, also sprach nichts dagegen.

In der Halle waren ca. 30 Kinder mit Eltern, die Lautstärke war für mich unerträglich, für Johann scheinbar auch.

Bei diesem Turnen können Eltern mitmachen, müssen aber nicht. Und ich wollte gar nicht erst mitmachen um Johann zu zeigen, dass ich auch in keinem anderen Sportverein dabei wäre.

Er hat alles brav mitgemacht, jedes Spiel, jede Übung, war hochkonzentriert und sehr ehrgeizig.

Als die Stunde vorbei war kam er zu mir und sagte: „So, Mama, ich will nun nach Hause und nie wieder kommen.“

Ich habe ihn angeschaut und nicht nachgefragt, denn ich wusste, wenn er das mit dieser Überzeugung sagt, dann muss ich gar nicht erst nachhaken. Dem Papa hat er zu Hause das Gleiche gesagt, allerdings noch mit dem Zusatz, dass er wollte, dass ich mitmache, aber Gott sei Dank spielen Felix und ich auf der gleichen Seite, sodass Felix auch sofort erwiderte, dass es ein Kinderturnen, kein Mama-Turnen wäre.

Dieser Vorfall hat mich lange Zeit beschäftigt.

Ich glaube, Johann tut viel für andere Menschen. Er versucht jetzt schon keine Gefühle zu verletzten, so sagt er auch immer: Das schmeckt, auch wenn ich weiß, dass es nicht stimmt. Er sagt oft „Ja“, obwohl er „Nein“ meint. Das macht mich nachdenklich, denn auf der einen Seite ist es natürlich gut, wenn man ein höfliches Kind hat, auf der anderen Seite braucht er auch einen starken Willen um sich durchzusetzen.

Das ganze Wochenende habe ich gegrübelt und natürlich hat er es von mir. Ich sage oft „ja“ obwohl ich „nein“ meine, obwohl mein ganzes Inneres NEIN schreit, nur um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Ich gebe oft nach, in allen Lebenslagen.

Ein Kind ist immer der Spiegel von einem selbst und erst durch ihn merke ich, wo meine Schwächen liegen und an welchen Stellen ich mich verbessern muss. Ich möchte natürlich die starke Mama sein, die Paroli bieten kann. Ich möchte aus meinem Sohn einen höfliches, aber selbstbestimmtes Kind machen. Ich merke, was Erziehung für eine Verantwortung mit sich trägt, was man alles richtig oder falsch machen kann.

Ich hatte eine ganz andere Kindheit als mein Sohn sie haben wird, aber trotzdem bekommt er viele schlechte Eigenschaften von mir ab, die er sich nicht aneignen müsste. Nach dem Gespräch letzte Woche mit den Erziehern habe ich von ihnen erfahren, dass Johann ein sehr beliebtes Kind ist, mit dem gerne gespielt wird, der sich aber scheinbar auch viel gefallen lässt.

Und damit bin ich beim Kern der Geschichte, die mich schon längere Zeit beschäftigt: Ich möchte nicht, dass mein Kind eine Situation ertragen muss. Er hat keinen Grund, uns nicht zu sagen was ihn beschäftigt, tut es aber trotzdem nicht. Jeden Abend fragen wir unsere drei Fragen „Was war das Schönste heute?“, „Was war das schlechtes heute?“ und „Was hast du heute Neues gelernt?“ und er hat immer die Möglichkeit zu sagen, was ihm auf den Herzen liegt, allerspätestens dort…und tut es nicht. Meistens sagt er dass das Schönste war, alleine zu spielen, Lego zu bauen oder uns bei irgendwas geholfen zu haben. Ich glaube manchmal, Johann reicht das Leben zur Zeit so, wie es ist. Dass er seine Ruhe hat und spielen kann was er will. Und auch das ist etwas, was er von seinen Eltern hat.

Felix und ich sind uns selber genug. Ich war in meiner Elternzeit 6 Wochen nur für mich alleine, habe genäht, gebastelt, umgeräumt. Ich habe jede Sekunde mit mir selber genossen und so geht es Felix auch. Wir zelebrieren die Zeit mit uns selber manchmal so sehr, dass wir uns total wenig unterhalten. Das heißt nicht, dass wir introvertiert sind (wobei…naja, ein wenig schon), einfach nur, dass wir uns selber genug sind. Uns wird nicht langweilig und wenn es mal so ist, dann haben wir beide neue Ideen in der Warteschleife, die ausprobiert werden wollen.
Eine Zeit lang hatte Johann Langeweile. Er hat so genörgelt, dass ich mir für jeden Tag was überlegt habe. Dann wurde es Herbst und ich habe ihn sich einfach langweilen lassen. Und das war der Moment, wo er angefangen hat, frei für sich zu spielen und tut es bis heute mit einer Hingabe, dass ich sofort erkenne, was es für ein Genuss für ihn ist, in seine Phantasiewelt einzutauchen. So herum betrachtet bin ich natürlich froh, dass er so ist wie wir.

Auf der anderen Seite macht es ihm aber schwer, sich heraus aus dieser – ich nenne es mal – „Familienblase“ durchzusetzen. Ich kenne meinen Sohn. Bei mir macht er nichts, was er nicht will, ausser aufräumen.

Und so bleibe ich fragend, die Antwort aber schon im Hinterkopf kennend, zurück.

Warum kann er sich bei anderen nicht durchsetzen?
Weil er wahrscheinlich genau so ist wie seine Eltern und niemanden vor den Kopf stoßen noch verletzten will.

Warum zieht er Situationen durch, die er eigentlich nicht ertragen kann?
Weil er sieht, dass Felix und ich auch Sachen machen, die wir manchmal nicht mögen (nur handelt es sich bei uns um Sachen, die man nicht vermeiden kann).

Und nun die Frage, auf die ich keine Antwort weiß:
Wie geht es weiter und was kann ich ändern?

 

xoxo, Nora.

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