Lieber J.

Bald ist es soweit und ich kann dich endlich in den Armen halten. Ich kann es gar nicht glauben, denn die letzten Wochen, von denen alle sagen, sie ziehen sich wie Kaugummi, verstreichen wie im Flug und ich habe das Gefühl, dein Papa und ich haben viel zu wenig Zeit miteinander, weil der gerade leider total gestresst auf der Arbeit ist.
Aber wenn du kommst, nimmt er sich ganz viel Zeit für dich um dich so richtig kennenzulernen.
Ich könnte mir vorstellen, dass es gar nicht mehr lange dauert, bis du bei uns bist. Die ein oder andere Wehe hat mich schon erreicht und tut ja doch mehr weh, als ich es erwartet habe – aber ich sehe das nun einfach so, wei die Hebamme sagte: Jede Wehe bringt mich meinem Kind ein Stück näher.

Mein liebes Baby. Bleib noch ein bisschen im Bauch. Da ist es warm, da ist es schön und da ist es ganz sicher für dich. Und ausserdem haben wir beide so noch ein wenig Zeit ganz für uns beide alleine. Wenn du da bist, wollen dich nämlich ganz viele Menschen beschmusen kommen, hab ich gehört. Aber lass sie noch ein bisschen warten. So gut wie jetzt, wird es dir vielleicht niemals wieder gehen.

Ich habe letztens darüber nachgedacht, wie es wohl ist, wenn du größer bist.
Ich hoffe so sehr für dich, dass du ein tolles Leben haben wirst und dass du dir nichts gefallen lässt. Ich hoffe so sehr, dass du in dieser Beziehung nichts von deiner Mama bekommst, denn ich habe mir mein Leben lang zu viel angehört und zu wenig gesagt. In dieser Beziehung wünsche ich mir für dich die Gene deines Papas. Der weiß ganz genau was er will und teilt das auch mit. Etwas, was ich heute noch lernen muss.
Ich meine damit nicht, dass du Menschen vor den Kopf stoßen sollst, auf keinen Fall, denn kleiner J., das macht man nicht. Ich meine damit, dass du immer sagen musst, wenn du dich ungerecht behandelt fühlst. Nicht, weil wir das von dir verlangen, sondern weil es besser für dich ist.

Noch wohnst du von mir beschützt in meinem Bauch und freust dich, wenn man eine Hand zum kraulen kommt. Oder dir jemand über den Rücken streichelt, wenn du Schluckauf hast.
Vieles wird sich auch nicht ändern, wenn du da bist, wahrscheinlich werde ich gar nicht von deiner Seite weichen, aber du wirst ja größer und irgendwann magst du auch mehr ohne die Mama machen.

Ich kann dich vor all dem nicht bewahren, was in deinem Leben auf dich zukommt, so wie ich es jetzt noch kann und das macht mich ganz verrückt.

Ich weiß ja, dass jeder seine Fehler und seine Konsequenzen selber kennenlernen muss, aber glaub mir, wenn ich könnte, würde ich alles für dich tun um das zu verhindern.

Auch wenn dich noch nicht gesehen habe, so bist du mein Sohn, mein ein und alles und jetzt schon das Beste, was mir passieren konnte.
Meine Eltern wollten mich auch nie leiden sehen und deshalb habe ich gemacht, was alle Teenager machen und habe nichts zu Hause erzählt. Davon, dass ich mich unwohl gefühlt habe, gehänselt wurde und keinen richtigen Anschluss gefunden habe.
Vielleicht machst du das genauso und das ist dein gutes Recht, aber wenn du jemanden brauchst, dann bin ich für dich da.

Und mache dir niemals, bitte niemals Gedanken darum, ob du mich oder deinen Papa enttäuschst.
Glaub mir, lieber J., das kannst du gar nicht. Und eines der Dinge, die ich mir am meisten für dich wünsche ist es, glücklich zu werden in deinem Leben.

Ich denke an dich, mein Sohn.
Jede Sekunde an jedem einzigen Tag.

Deine Mama.

Teilen

Dieser Eintrag wurde in Baby J., Briefe an den Sohn, Schwangerschaft gepostet. Bookmark des permalinks.

6 Responses to "Lieber J."

Kommentar hinterlassen