Tinder – Teil 1

Nun bin ich also da gelandet.

Tinder.

Welch ein Rückschritt. Aber natürlich auch aufregend! So viele Jahre war ich kein Single mehr, vielleicht wird es ja irgendwie nett? Aufregend? Romantisch?

Nichts von all dem wurde es. Es wurde nur eins: völlig crazy. Mein erstes Tinder-Date könnte man in einer Sitcom eins zu eins ausstrahlen. Mein Zweites irgendwie auch und über das Dritte wird später ausführlich berichtet, das hatte tatsächlich eine kurze Zukunft.

Also, zurück auf Anfang. Ich habe meine Wohnung also endlich mal geputzt, denn natürlich findet mitten in einer Pandemie ein Date irgendwo zu Hause statt, da ich ein Kind habe, als bei mir zu Hause. Der Typ wirkte seriös, hübsch, 1,85, hatte ein Kind im alter meines Sohnes und hatte sich vorher auch schon mehrere SMS lang vorgestellt. Alles in allem sehr sympathisch.

Ich bin immer nervös, da mir aber dieses Mal nicht so speiübel ist, wie bei den ersten Treffen mit meinem Exfreund, sehe ich das als gutes Zeichen. Im Nachhein vielleicht auch ganz gut, so konnte ich wenigstens so lustig sein, wie ich normalerweise bin.

Als es klingelt flippt wie immer der Hund aus, ich muss den Hund maßregeln, der zwängt sich durch die Beine durch die Haustür, sodass ich fast die zwei Treppen runterfliege. Vor meinem inneren Auge spiele ich dieses Szenario weiter und freue mich, dass das alles nur in meiner Vorstellung passiert.

Ich öffne also das Tor um dem netten jungen Mann Zutritt zu gewähren. Mein Blick, der 1,85m durch meinen Exfreund durchaus gewohnt ist, trifft ins Leere. „Huch“ denke ich, der ist aber klein. Und zwar kleiner als ich. „Och ne“, denke ich, „Wie schade“. Denn gut sieht er aus, angenehme Stimme, kein komischer Geruch.
Naja, ich finde mich sehr schnell damit ab, bitte ihn herein und nehme ihm seine Jacke ab. Ein Glas Wein hätte er gerne zu trinken, damit kann ich auf jeden Fall dienen.

Er habe mir ein Willkommensgeschenk mitgebracht, sagt er. Ich bin gespannt, was könnte das wohl sein und staune nicht schlecht, als er aus seiner Ledertasche ein Glas Quark hervorzaubert. Ich bin irritiert und amüsiert, als ich dieses entgegennehme. Völlig verdutzt, mit dem Quark in der Hand, mustere ich mein Gegenüber einmal ausgiebig.

Etwas weitere, beige Hose, ein Wollpulli und eine gepflegte Frisur. „Schau immer auf die Schuhe“ hatte mir mal ein guter Freund gesagt (und in diesem Fall hoffe ich inständig, dass mich keiner nach meinen Schuhen be- bzw. verurteilt). Was sehen meine Augen? Barfußschuhe. Die sollen ja gemütlich sein – aber das sind Jogginghosen aus und ich trage sie nicht zu einem Date.

„Naja, egal“, denke ich so bei mir und versuche ganz optimistisch, einen wirklich schönen Abend zu haben.

„Du wunderst dich sicher, warum ich dir Quark mitbringe?“

Ich weiß nicht, ob das nun eine echte oder eine rhetorische Frage sein soll, ich meine, das ist mir schon öfters mal passiert, das letzte mal hat mir jemand Fischstäbchen zum Date mitgebracht, denke ich ein wenig ironischer als ich möchte vor mich hin und – ausserstande etwas zu sagen –nicke ich stillschweigend.

Dann beginnt er zu erzählen. Als ich merke, dass dies ein längerer Monolog wird, gieße auch ich mir ein Glas Wein ein und setze mich auf den Barhocker.

Er arbeite auf einem Bauernhof, sie hatten dort ca. 250 Kühe und auch Schweine und Hühner und eine Käserei und er möchte jetzt gerne Käsebauer werden.
Er hatte einen gutlaufenden Betrieb, aber durch seine Meditationseinheiten sei ihm bewusst geworden, dass er in die Natur möchte und dass ihm das Käsemachen dabei ein Standbein ermöglichen würde. Er wäre auch übrigens Mediationslehrer, ob ich am Meditieren Spaß hätte.

Langsam schüttet ich den Kopf, ich habe wahrhaftig noch niemals meditiert. Ein wenig beeindruckt von soviel Willensstärke aber auch ein wenig abgeschreckt von so vielen guten Vorsätzen, höre ich mir als den nächsten Monolog übers Meditieren an.

„Ich ertrage das nur mit Wein“, denke ich und gieße ihm und mir ein weiteres Glas ein, in der Hoffnung, auch mal etwas erzählen zu können, in der Zeit, in der er trinkt. Aber scheinbar hat dieser junge Mann die Fähigkeit, beim Trinken zu sprechen, also gebe ich auf, lehne mich zurück und lausche den Themen, die mich eigentlich gar nicht wirklich tangieren und hänge ein wenig meinen eigenen Gedanken nach.

Auf einmal klingelt mein Handy, eine Sms meiner Freundin. „Brauchst du Hilfe? Soll ich dich retten?“

ein simples „ja“ ist schnell getippt und ich merke, dass ich mich innerlich entspanne. Als ich kurz zu Wort komme, werfe ich in den Raum, dass gleich noch meine Freundin kommt, der Typ ist hellauf begeistert. „Klar, dann kannst du noch jemanden überzeugen, auf die absolute Bioschiene umzusteigen“ denke ich bei mir und schäme mich ein wenig für meine Gedanken.

Circa fünf Minuten später klopft es an der Tür und ich frage mich erstaunt, ob meine Freundin einfach schon angezogen war, bevor sie die SMS versandt hatte? Wie konnte sie wissen, dass ich mal wieder in einer richtig komischen Situation gefangen war? Nun ja, egal warum, ich öffne erleichtert die Türe.

Und dann tritt sie ein, ein Wirbelwind wie immer, stellt sich vor und das Gespräch liegt nun bei ihr. Die beiden unterhalten sich über Kuhaufzucht, Lieblingskäse, Yoga und Meditation und ich kann entspannt meinen Gedanken nachhängen.

Warum bin ich nochmal in dieser Situation? Was hat mich überhaupt dazu gebracht, mich bei Tinder anzumelden? Alles rhetorische Fragen, ich weiß, warum, aber ich merke, dass ich langsam traurig werde. Und meine Freundin merkt das auch, gibt mir einen Seitenhieb und bindet mich auf einmal so sehr ins Gespräch ein, dass ich mich kaum vorbereiten konnte. Ja, es gibt Menschen, die können das. Die bringen einen dazu, zu erzählen. Und ich erzähle und erzähle. Von meiner Arbeit, meinem Sohn, meinen Hobbys und ich merke, dass der Typ ganz ruhig wird und langsam leuchtende Augen bekommt. Ja, meine Schüchternheit steht mir oft im Weg und ich weiß, ich komme besser an, wenn ich im Gespräch mal kurz an die Hand genommen werde. Dummerweise haben wir nun halb 11, er muss nach Hause und ich habe das Gefühl, er will nicht gehen.

Trotzdem verabschiedet er sich langsam und ich bleibe mit meiner Freundin zurück. „Das war wohl nichts“, erkennt sie recht früh und ich nicke mal wieder stumm.

Das also ist nun mein Leben? Daten, bis der Richtige dabei ist? Das ist gar nichts meins, bin ich doch eher der Typ, der Menschen im realen Leben kennenlernt und auch dort sehr viel überzeugender bin als online. Aber, Hand aufs Herz; wir haben 2020 und ich wurde grade sitzen gelassen von einem Typen, für den ich meine Familie aufgegeben habe. Der sich nun seine Abende mit Fernsehen vertreibt, weil das eh immer Wichtiger war, als alle andere. Und vor allem wichtiger als ich.

„Nein!“, denke ich mir, das kann es nicht gewesen sein, ich leider jetzt hier nicht rum. Wie unrecht ich haben sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht.

Fortsetzung folgt…

Xoxo, Nora.

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