Über offene Fenster und Vertrauen

Neulich hat meine Tante mir gesagt, dass es laut Maria Montessori immer gewisse Fenster gibt, die sich zu bestimmten Zeiten bei einem Kind öffnen und dieses so Dinge erlernen kann.

Wir erziehen weder streng nach Maria Montessori noch Emmi Pikler. Wir lassen uns aber gerne von diesen Arten inspirieren und ziehen für uns das Beste daraus.

In der letzten Woche hat sich für Johann scheinbar ein sehr großes Fenster geöffnet. Ich schaue ihn an und er ist kein Baby mehr. Er ist mein großer Junge geworden.
Nicht nur, dass er auf einmal durchschläft – was ich noch etwas irritierend finde, da er es in seinem Bett tut und keine nächtlichen Besuche mehr stattfinden – nein, er steht auch morgens auf und…spielt. Kein Wecken, keine Nörgeln, nichts. Er könnte sich sogar selber Frühstück machen, aber scheinbar ist er morgens kein hungriger Kandidat.

Das erste mal, was noch irritierender war, hat er das im Haus meiner Schwiegereltern getan. Er ist aufgestanden, runtergegangen und hat gespielt. Vorher hat er mir noch gesagt: „Bleib ruhig liegen, ich schaff das“. In meinen Gedanken kam ein riesengroßes erstauntes Smiley auf und entgegen meines Wunsches, zu sehen, was er tut, habe ich ihn von dannen ziehen lassen.

Vertrauen ist etwas, was ich wahnsinnig wichtig finde. Natürlich ist Johann fast 4 und kann eine Gefahr noch nicht richtig einschätzen – aber weder in seinem Kinderzimmer noch in unserem Wohnzimmer lauert eine Gefahr, genau so ist es bei meinen Schwiegereltern.

Letzte Woche hatten wir das erste mal den Fall, dass Johann versucht hat, mich anzulügen. Da ich ihm vertraue und er sonst so etwas niemals macht, war ich sehr erschrocken.

Vertrauen ist für uns beide total existenziell. Johann weiß, er hat fast alle Freiheiten, die er sich wünscht. Und er weiß, bei Verstoße gegen unsere Regeln, werden diese Freiheiten eingeschränkt. Ehrlich gesagt würde mich das natürlich ebenso treffen, denn seine Freiheiten sind auch meine. Wenn er draussen ist, kann ich in Ruhe mal durch saugen. Wenn er einen Spaziergang mit meinem Onkel macht, stundenlang über die Felder, schaffe ich es sogar mal zu wischen. Manchmal setze ich mich hin und lese ein Buch und er spielt im Sandkasten. Jeder Einschnitt in seine Freiheit ist auch ein Einschnitt in meine und deshalb versuche ich solche „Zwischenfälle“ sofort zu unterbinden. Vielleicht ist das kein Ansatz, den jeder vertritt, da er schon sehr streng ist, auch in meinen Augen, aber grade in diesen Momenten höre ich im Inneren die Stimme meiner Schwiegermutter, die sagt „Wehret den Anfängen“. Ich versuche, Johanns Wünsche weitesgehend zu berücksichtigen, was er will und was er nicht will. Aber es gibt Grenzen und beim Lügen ist diese mehr als überschritten.

Wir hatten dann abends noch ein ganz langes Gespräch und auch, wenn es diesen Vorfall gab, ist mein Vertrauen in ihn nicht erschüttert, weil ich weiss, dass er das nicht ein zweites mal machen wird, zu groß war seine „Bestrafung“, bzw. sein „Etwas-nicht-dürfen“.

Mit großem Erstaunen beobachte ich ihn, wie er dabei ist, seine Interessen zu verfestigen. Zur Zeit baut er am liebsten mit Lego, hört dabei ein Hörspiel und macht die Tür zu. Wenn er das nicht macht, baut er irgendwo eine Höhle, vorzugsweise im Wohnzimmer. Wenn ich ihn beschrieben müsste, dann würde ich sagen, er hat viel von mir als Kind, mit einer etwas wilderen Seite. Meine Eltern sagen mir immer, ich war stundenlang mit malen und Hörspielen beschäftigt und ich weiss heute noch, dass ich diese Ruhe sehr genossen habe.

Er ist in meinen Augen ein Kind, was gerne „Dinge erschafft“ und diese Eigenschaft wollte ich gestern mal nutzen und ihn das Abendessen zubereiten lassen. Also hat er (mit meiner Hilfe, die aber nur darin, Zwiebeln und Möhren klein zuschneiden, bestand) eine Bolognese-Sauce gekocht. Ich habe ihm alle Zutaten hingestellt und ihm erklärt, was man zuerst wie zubereiten muss und es hat ganz wunderbar geklappt, natürlich mit ganz viel Genasche. Das Abendessen war super lecker und er selber mochte es auch und relativ viel gegessen. So ist es halt. Selbstgekocht schmeckt immer noch am Besten.

Ich sage Felix immer, „Jetzt ist die schönste Zeit mit ihm“. Und Felix sagt dann: „Das sagst du immer.“
Aber wenn ich ehrlich bin zu mir, dann ist jetzt wirklich die schönste Zeit. Ein halbes Herz vermisst mein Baby, dass mich rund um die Uhr braucht, die andere Hälfte genießt die neu gewonnene Freiheit.

Ich bin froh, keinen Heulkrampf zu hören, wenn ich auf Toilette muss. Aber ich vermisse mein kleines Baby, was nur auf meinem Bauch einschläft. Ich vermisse nicht, immer aufzupassen, ob das Kind etwas in den Mund nimmt, was es nicht soll. Aber ich vermisse seine lustigen Stopfgeräusche, wenn er ein Essen ganz besonders gerne mochte. Ich vermisse nicht, Windeln zu wechseln, aber ich vermisse kleine Speckfüßchen in Stramplern.

Diese Liste könnte ich unendlich weiterführen.

Ich genieße weiter meinen kleinen, großen Maulwurf. Er ist das tollste Kind, das ich kenne und ich bin so glücklich. Wir sind gesegnet, dass er bei uns ist.

Die beste Zeit ist jetzt. Immer.

xoxo, nora.

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