Danke, Tinder.

Ob ich die Nase gestrichen voll hatte nach den ganzen Tinder-Eskapaden? Definitiv.
Hält mich das ab ein neues auszumachen? Eher nicht.

Aber wir beginnen von vorne. Ich war eine Zeit ein wenig abgelenkt und habe mich so nicht weitergehend mit Tinder beschäftigt, es ging mir einfach ziemlich auf die Nerven. Immer die gleichen Fragen beantworten, so viele erste Gespräche, so viel was falsch laufen kann, ich hatte einfach keine Lust.

Durch Zufall hatte ich irgendwann, es muss kurz vor Karneval gewesen sein, auf der Arbeit Leerlauf und habe ein bisschen rumwischt und einmal sogar in die richtige Richtung.

Der Text von dem Typen war so unsympathisch, ich dachte, da steckt sicher mehr dahinter, so schlecht kann sich keiner im Internet darstellen mit der Hoffnung, eine Frau kennenzulernen.

Also, ausprobiert, rechts gewischt und siehe da, ein Match. Gute Sache, dachte ich mir und schickte ein Winke-Smiley. Mehr nicht. Ich bin eine Frau der wenigen Worte.

Mit Antworten rechne ich quasi eh nie auf Tinder, umso überraschter war ich, als ich am nächsten Abend eine Nachricht erhielt, die mir schon ein wenig imponiert hat.

Ich weiß nicht, wie lange er an diesem Text geschrieben hat, aber wer sich mit 440 Wörtern (und ja, es waren wirklich 440) vorstellt, der hat auf jeden Fall schon mal meine Aufmerksamkeit. Und was mache ich? Für die Leute, die mich kennen kommt nun ein Schenkelklopfer – „sei ein Star, mach dich rar“ war kurzeitig meine Devise und ich habe mich erst 3 Tage später gemeldet. Und selbst ab da, Schande über mein Haupt, waren meine Nachrichten ziemlich unregelmäßig und oft nicht so ausführlich. Also haben wir 2 Wochen auf Tinder hin und wieder geschrieben und nachdem ich das alles jetzt noch mal gelesen habe, musste ich sehr schmunzeln, denn meine Telefonnummer habe ich sofort rausgegeben, als ich gehört habe, dass er Karneval als Pikatchu verkleidet war. Man muss nur meinen richtigen Nerv treffen, wie es scheint.

Und so verging der Februar. Und der März. Und der April. Und die Hälfte vom Mai. Um genau zu sein vergingen 88 Tage und dann, als weder er noch ich damit gerechnet habe, habe ich einfach gefragt, ob wir uns treffen.

Ich war an dem Tag mit Kathi in Zündorf, wir waren Essen, am Strand, spazieren und ich dachte für ein erstes Treffen ist das eventuell ziemlich unkrampfig.

Ich habe also meinen Mut zusammen genommen und eine SMS geschrieben.

Nett, dass ich fragen würde, aber er sei mit seiner Schwester verabredet.

Das wäre ja auch echt zu verrückt gewesen, Nora traut sich mal was und das klappt direkt? Niemals. Damit habe ich auch nicht gerechnet.

Das hat mich nicht davon abgehalten, den schönsten Tag mit meiner Freundin zu verbringen. Das Essen war köstlich, wir haben uns den Bauch mit Limonade vollgeschlagen und über Gott und die Welt geredet.

Und dann, als ich nicht mehr damit rechnete, klingelte mein Handy, eine SMS. „Ich hätte jetzt doch Zeit“.

Hoppala, da ist mir kurz das Herz in die Hose gerutscht. Ich meine, ich hatte ja selber gefragt, aber hatte ich nun etwas Angst vor meiner eigenen Courage? Zu 100%.

Prima, dachte ich mir, wir waren nämlich grade auf dem Weg in die Stammkneipe – und lustigerweise weiss ich heute, dass genau dieser Moment der Wendepunkt war, denn das Universum wollte wohl nicht, dass ich da hin gehe, dafür bin ich dem Universum wahnsinnig dankbar. Also haben wir beschlossen, wieder aus dem Auto zu steigen und noch ein Bier trinken in einem Biergarten zu gehen.

Ich habe dem jungen Mann gesagt, wir wären noch bis 19.30h da, eine angemessene Zeit, sich kennenzulernen. Dass das einfach nur die maximale Zeit war, die ich mir für ein schreckliches Date gegeben hätte, musste ich ja nicht aussprechen, wie unhöflich wäre das gewesen.

Und dann wurde es wirklich etwas chaotisch. Nach längerem Hin- und Herschreiben haben wir einen Treffpunkt ausgemacht und sind schon mal dort hingegangen.
Kathi und ich haben uns ein Bier bestellt und auf einmal sehe ich einen Hund, der meinem extrem ähnelte.

Das lag daran, dass es meiner war. Und Felix. Und Johann. Auf ihrer abendlichen Hunderunde. Na prima, verrückter kann es kaum werden.

Johann wollte wissen, was wir machen und als er hörte, was wir vorhaben, musste er natürlich abwarten, denn neue Leute sind ja immer spannend.

So kam es, dass Johann mein Tinder-Date vor mir gesehen hat, denn das Zusammentreffen war nicht so einfach, wir haben uns ständig in diesem Biergarten verpasst. Sowas passiert einfach auch nur mir.

Zwei Sachen schossen mir durch den Kopf, als ich ihn das erste mal sah.

  1. Gott sei Dank, er ist nicht 1,65cm (nennt mich oberflächlich, I know)
  2. Wie creepy ist es, sein Kind auf ein Date mitzunehmen?

Punkt Zwei konnte ich sehr schnell ausräumen, die Johann und Felix nach Hause weitergingen und es halt nunmal so ist, dass sie in Zündorf wohnen und bei Punkt Eins konnte ich mein Glück kaum fassen.

Wählerisch? Kann ich. Sei über 1,85m, reicht schon.

Von meinem „In die Hose gerutschten Herzen“ habe ich mich erstaunlich schnell erholt und der Abend konnte also starten. Die Gespräche waren super interessant, Kathi hatte sich auch sichtlich wohl gefühlt und aus dem „okay, lass das mal machen, das könnte echt witzig werden“ wurde bei mir sehr schnell ein „Okay, das könnte eventuell auch mal echt richtig gut werden“-Gefühl.

Ich meine, der Typ sah besser aus als auf all seinen Bilder, war netter in Realität als über Sprachnachrichten anzunehmen war, hatte einen Kleidungsstil, der mir sehr gut gefiel und vor allem hatte er eins, was ich am allermeisten mag: Witz und Charme.

Und so verging die Zeit, es wurde viertel vor Acht, viertel nach Acht, halb neun, halb Zehn, Zehn.

Auf die Frage, ob wir nicht noch verabredet gewesen wären konnte ich mal mit gutem Gewissen sagen, dass ich einfach nur Angst hatte, dass er blöd wäre oder komischer Freak aber da der Fall ja nicht eingetreten ist, könnten wir ja weitermachen.

Und das haben wir gemacht. Das Lokal hat geschlossen und wir haben uns zu dritt ein Uber auf meine Terrasse genommen.

Als Kathi um ca. halb 2 heimging, saßen wir beide noch bis fünf Uhr morgens in meiner Küche und redeten und redeten und hatten einen Lachkrampf nach dem anderen.

Als der nette Herr sich verabschiedete, ging ich so glücklich ins Bett wie schon lange nicht mehr – und wachte auch genau so auf. Verrückt, was nette Menschen, nette Gespräche und ein toller Tag bewirken können.

Gut gelaunt hüpfte ich also zu Kathi – wir mussten ja noch mein Auto holen, das wir gestern aufgrund einiger Biere stehen gelassen hatten.

Im Auto bekomme ich – auf die Frage, ob er gut heim gekommen sei eine Antwort und ganz kurz traf es mich wie ein Schlag.

„Ja, bin gut angekommen, muss aber sagen, ich bin echt enttäuscht von gestern.“

Autsch!!!
Um mich selber zu regulieren musste ich mich erstmal beruhigen. „Kein Problem, Nora. Der ist wenigstens ehrlich und sagt das sofort, ist ja voll gut so.“

Kathi gab mir einen schönen Seitenhieb. „Na, der sagte doch, seine bisherigen Dates liefen immer so gut, vielleicht hättest du einfach mit dem ins Bett gehen sollen, wer weiß, vielleicht hat er das erwartet.“

Nochmal Autsch! Das ist nicht mein Ding, da bin ich etwas altmodisch und warte erstmal ein paar Dates ab. Und die Chemie und sowas alles. Altmodisch halt.

Ich schrieb also zurück: „Wieso?“, denn man kann ja nie wissen, was nun so enttäuschend war – und dann habe ich, zugegebenermaßen sehr nervös auf mein Handy gestarrt.

Die Antwort kam auch recht zeitnah: „Na, wenn mich ne Frau unter den Tisch trinken will, dann sollte sie mehr Bier im Kühlschrank haben.“

Ich musste ziemlich laut lachen. Sogar sehr laut. Ob aus Erleichterung oder wegen dieser sehr originellen SMS weiss ich nicht mehr.

Ich weiß nur ich bin sehr, sehr glücklich nach Zündorf gefahren und habe mein Auto geholt.

Und dieser Tag war einer der schönsten Tage in 2022, ein Jahr, das mir bisher nicht so viel Gutes geboten hatte. Und tatsächlich alles Dank Tinder.

xoxo, Nora.

Dieser Eintrag wurde in 100 Wahrheiten über mich, Allgemein, Tinder-Geschichten gepostet und getagget , , . Bookmark des Permalinks.

Kommentar hinterlassen