Der Kieselstein

Und eines Tages erkennt man, dass man abstumpft. All die Enttäuschungen, die das Leben bereitstellt, wie in jedem Leben, die nimmt man am Anfang ganz schwer. Das Eis, zu dem Mama „Nein“ sagt. Die beste Freundin, die nicht rauskommen will zum spielen. Für einen kleinen Menschen ist das ein absoluter Weltuntergang. Die erste Spitze trifft das Herz und man weiß gar nicht, wie einem geschieht. Die erste schlechte Note in der Schule, obwohl man so viel gelernt hat. Die erste große, unerreichbare Liebe, die sich dann in jemanden aus der Parallelklasse verliebt. Die erste Trennung, den Job, den man so sehr will und nicht bekommt, die erste gescheiterte Gehaltsverhandlung, die nicht so ausfiel, wie man es sich gewünscht hat, der Urlaub, der platzt, weil man nicht genug Geld auf dem Konto hat.

Man merkt, dass man glatt wird, runder, die Dinge fangen an, an einem abzurutschen, Enttäuschung? Kenne ich schon, kein Problem. Es ist als ob man ein Stein wäre in einem Meer, immer wieder von Wellen der Enttäuschung umspült, bis man ein kleiner, fast runder Kieselstein ist. Und dabei gab es vorher so viele Ecken, so viele Kanten, wo Hoffnung sich festsetzen konnte, das Herz warm gemacht hat und sich in jede noch so kleine Kerbe gedrückt hat.

Irgendwann, wenn die Hoffnung es mal schafft, einen Balanceakt auf dem viel zu runden Stein zu bestehen, ist man dann doch dummerweise mal euphorisch, freut sich, freut sich so sehr, das Herz zum bersten gefüllt, dass man sich sogar erlaubt, ein paar Tränen der Freude zu weinen, denn so fühlt es sich an, wirklich und ehrlich glücklich zu sein.

Diese kleine Stimme im Hinterkopf, die den warnenden Zeigefinger schwingt und leise flüstert: Freu dich mal lieber nicht zu sehr, das bringt nur Unglück, belächelt man mit strahlenden Augen, denn nicht, gar nichts kann einem grade das, was man hat madig reden, kein schlechtes Gefühl hat Platz in der Brust, die ist nur voll mit Glück.

Aber das Leben lehrt uns, dass Glück ein sehr vergängliches Gefühl ist und dieses kleine Biest Enttäuschung kommt und nagt an dem Glück, natürlich, davon lebt sie schliesslich und wie würde sie an so einem Schlaraffenland vorbei kommen?

Die ersten Male tut es weh, sehr weh, superweh. Und dann, mit den Jahren denkt man sich einfach nur noch „disappointed but not surprised“ – denn man kennt es ja. Man sitzt da, ist ganz ruhig und lässt einfach die Gefühle an einem abrutschen, dafür wars ganz gut, dass die Oberfläche glattgespült wurde.

Man fragt sich, wann das Herz selber zu diesem Stein wird, kalt, kühl und rund. Und an manchen Tagen wünscht man sich einfach nur, dass ein Kind den Stein findet, ihn mit voller Wucht auf den Boden schmettert und die glatte Oberfläche zerspringt, damit man endlich wieder fühlen kann, damit sich endlich wieder Hoffnungen in allen Ecken und Kanten festsetzen kann.

Denn wenn Enttäuschungen so an uns abprallen, wie lange dauert es, bis auch die Liebe das tut?

xoxo, Nora.

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